Digitale Musikanalyse mit den XML-Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners

Das am Institut für kunst- und musikhistorische Forschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelte Projekt „Digitale Musikanalyse mit den XML-Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners“, das von Go!Digital von 2017 bis 2019 gefördert wird, verfolgt zwei Ziele. Zunächst soll Anton Bruckners „Kitzler“-Studienbuch, das er während der Zeit seines Unterrichts beim Dirigenten und Violoncellisten Otto Kitzler (1834–1915) in Linz zwischen 1861 und 1863 anlegte, in zeitgemäßer Weise digital erschlossen werden. Sämtliche Inhalte werden dazu im XML-basierten Codierungsformat MEI codiert und auf Taktebene mit den Digitalisaten der Handschrift verknüpft, um sie anschließend in einer Edirom-basierten, digitalen Musikedition anzeigen zu können. Die MEI-Codierungen können dann mittels Verovio wieder als Notentext angezeigt werden.

Abbildung 1: "Kitzler Studienbuch", © Österreichische Nationalbibliothek, Mus.Hs. 44706, S. 8

Die Handschrift enthält 326 Seiten eigenhändige Entwürfe von Bruckner mit vielen Eintragungen Kitzlers (siehe Abbildung 1). Am Anfang stehen Übungen zu verschiedenen Kadenzausführungen und zum Periodenbau, danach folgen zwei- und dreiteilige Liedformen, Klavier-Etüden, Themen mit Variationen, Rondo, Sonatenform und – neben anderen Übungen für diese Besetzung – das vollständige Streichquartett in c-Moll. Fortgesetzt wurden die Studien mit Instrumentationsübungen und vier vollständigen Orchesterstücken (Marsch in d-Moll, Drei Orchesterstücke). Der Band schließt mit Skizzen zur Ouvertüre in g-Moll und zur Symphonie in f-Moll (Studiensymphonie).

Im ersten Projektjahr wird die Handschrift in MEI tief erschlossen, das heißt, dass neben der Codierung der Musiknotation auch alle vorgenommenen Änderungen wie Streichungen, Einfügungen (Ersetzungen), unsichere oder mehrere Lesarten und schließlich auch textliche Anmerkungen in die Codierung aufgenommen werden. Hierfür wird die Handschrift zunächst mit einem Notensatzprogramm transkribiert und über ein XSLT-Plugin nach MEI konvertiert, daraufhin mit einem weiteren XSLT von unnötigen Midi- und Layoutinformationen gereinigt und schließlich händisch mit MEI-Elementen wie <add/> (Hinzufügung) oder <del/> (Tilgung) angereichert (siehe Abbildungen 2–4).

Kern des Projekts ist die für das zweite Projektjahr angelegte harmonische Analyse. Da sich MEI inzwischen als Standard für digitale Musikeditionen durchgesetzt hat und damit ein wachsender Fundus an sehr tief erschlossenen Daten in diesem Format zur Verfügung steht, eignet es sich in besonderer Weise als Ausgangspunkt für eine analytische Auswertung von Musikcodierungen. Gleichzeitig bietet MEI selbst umfangreiche Möglichkeiten, die Ergebnisse einer musikalischen Analyse in die Codierungen selbst zu übernehmen und diese so anzureichern. Dieser Teil des Projekts hat daher zum Ziel, anhand der Brucknerschen Kompositionsstudien ein Verfahren für eine automatisierte, harmonische Analyse zu entwickeln, deren Ergebnisse einerseits in die genutzten MEI-Codierungen rücküberführt werden können, andererseits aber durch Einblendung entsprechender Symbole, Einfärbung und ähnliche Darstellungsformen intuitiv nachvollziehbar im Notentext visualisiert werden sollen. Hierfür bietet sich das „Kitzler“-Studienbuch als ideales Testfeld, da es zahlreiche kleine Studien enthält, die weitgehend ohne größeren musikalischen Rahmen eine Vielzahl an harmonischen Entwicklungen abdecken und so eine große inhaltliche Bandbreite zur Verfügung stellen kann.



Abbildung 2: "Kitzler Studienbuch", © Österreichische Nationalbibliothek, Mus.Hs. 44706, S. 8, T. 24

Abbildung 3: MEI-Codierung von Takt 24, erstes System

Abbildung 4: MEI-Codierung von T. 24, zweites System

Dafür werden die MEI-Daten in Zwischenformate überführt, die nur die für die harmonische Analyse notwendigen Elemente in einfacher zu prozessierenden Strukturen enthält. In erster Linie geht es darum, die zu jeder Zählzeit gleichzeitig erklingenden Töne zu bestimmen und mit einer XSLT Akkordstrukturen zu erkennen, in die Codierung rückzuüberführen und schließlich farblich markiert oder mit einem entsprechenden Symbol im edierten Notentext anzeigen zu können.

PD Dr. Robert Klugseder ist als Projektleiter neben dem Projektmanagement vor allem für die Koordination und Kommunikation der Kooperationspartner und die fachliche Betreuung der Mitarbeiter zuständig. Paul Gulewycz B.A. (ÖAW) und Agnes Seipelt M.A. (ZenMEM) sind als musikwissenschaftliche Mitarbeiter für die Erstellung und Anreicherung der MEI- und Edirom-Daten zuständig (1. Jahr) sowie Agnes Seipelt im zweiten Jahr vor allem für die Konzeption, Kontrolle und Anwendung der Harmonischen Analyse. In Verbindung damit erstellt Marek Cupák vom Austrian Center for Digital Humanities (ACDH) der ÖAW die XSL-Transformationen und Analyseapplikationen für die harmonische Analyse sowie die Verovio- und Ediromapplikationen auf der Projektwebseite. Die Kooperation der ÖAW mit dem ZenMEM ermöglicht darüber hinaus eine fachliche Beratung durch Dr. Johannes Kepper im Science Board des Projekts, der seit 2014 Mitarbeiter des von der Mainzer Akademie der Wissenschaften geförderten Projekts Beethovens Werkstatt ist und den Administrative Chair des Boards der MEI innehat.

Website: https://www.oeaw.ac.at/ikm/forschung/digital-musicology/digitale-musikanalyse-mit-mei/